Kummerkasten Blog

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Frage:

Hallo biberlin verein ich hab eine frage,weil ich unsicher bin, ob ich wirklich bi bin.

Bei mir ist das so: ich bin eine frau und ich finde andere frauen mega hot. Es ist aber reine lust, mehr nicht. Frauen erregen mich viel schneller und stärker als männer. Bei männern hab ich aber mehr schmetterlinge im bauch und so was. Aber nicht, weil ich verliebt bin – auch bei one night stands! Bei frauen ist das alles irgendwie körperlicher. Das kommt mir gar nicht queer vor. Ich komme mir vor wie ein macho der frauen ausnutzt. Oder als wären frauen ein fetisch für mich weil ich ja nur sex von frauen will und mich in sie nicht verliebe. Ist das nicht auch eins der vorurteile das lesben gegenüber bifrauen haben? Das will ich nicht bestätigen. Bei mir ist es ganz klar nicht so dass mir das geschlecht egal ist. darf ich mich da überhaupt bi nennen?

Antwort:

Hallo liebe Fragende,

 

Ich kann und möchte Dir nicht sagen, dieses oder jenes Label das richtige für Dich ist. Schließlich bist Du diejenige, die sich damit wohlfühlen muss. Aber dabei helfen herauszufinden, welche möglich sind, kann ich hoffentlich.  

 

Gehen wir doch erstmal zu einer modernen Definition von Bisexuell: 

‚Bisexuell sind Menschen, die sich sexuell und/oder romantisch zu Menschen mehr als eines Geschlechts hingezogen fühlen.‘ Wenn Du Dich damit wohlfühlst, kannst Du es als Label für Dich natürlich nutzen. 

Aber diese Definition ist auch sehr allgemein und kann viele unterschiedliche Gewichtungen enthalten, was manche für sich nicht passend finden. 

 

Deshalb haben sich eine ganze Reihe von anderen Labels entwickelt. So kann man sich z.B. stärker zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen oder seltener zu einem anderen Geschlecht. Man kann da durchaus sagen, man ist bi, aber es gibt auch das Wort homoflexibel. 

Es gibt Menschen, die ausdrücken möchten, dass sie auch Geschlechter außerhalb des binären Schemas begehrenswert finden, diese nutzen gerne ply, polysexuell, pansexuell oder omnisexuell, je nachdem was man passend findet. 

Wenn man ausdrücken möchte, dass man für mehr als ein Geschlecht romantische Gefühle hegen kann, kann man bi-romantisch sagen. 

Es geht auch mehr als eine Bezeichnung für sich zu nutzen, so gibt es einen Menschen in meinem Leben, der sich als homosexuell und bi-romantisch definiert, sprich er fühlt sich von seinem Geschlecht sexuell angezogen, hat aber auch für ein anderes Geschlecht romantische Gefühle und kann mit ihnen auch Beziehungen führen (und tut es auch). Umgekehrt also bisexuell und homo- oder hetero romantisch gibt es aber auch. 

Es gibt also einige Labels, die Du nehmen kannst, wenn Du Dich mit bisexuell nicht wohl fühlst. Du kannst auch gerne hier stöbern: https://queer-lexikon.net/glossar/ oder falls Englisch kein Problem ist auch hier https://lgbta.wikia.org/wiki/LGBTA_Wiki. Gerade in dem englischen Wiki finde ich immer wieder Definitionen und Informationen, die mir bisher noch nicht bekannt waren. 

Du musst aber auch nicht unbedingt nach einem anderen Label suchen, so gibt es einen Bi-Blogger, der sich sexuell mehr zu Frauen und romantisch mehr zu Männern hingezogen fühlt. Er nutzt bi für sich und das ist völlig ok. 

Auch will man ja vielleicht nicht immer jedem alles haarklein erklären, hier kann man durchaus bi, nicht-monosexuell oder auch bi+ sagen (die letzten beiden Begriffe sind ganz praktisch, um zu zeigen, dass es eben verschiedene Möglichkeiten gibt und man sich einer davon zugehörig gibt). Die spezifischen Begriffe nicht immer allen bekannt, oder immer mehrere Begriffe zu sagen, kann hinderlich werden. 

Es geht wirklich darum, was sich für Dich am besten anfühlt und was Du ausdrücken möchtest. 

 

Der Bereich Sex und Verlieben usw. insgesamt ist natürlich ein nochmal ein komplexeres Thema. Hier spielt viel zusammen, von Sozialisation über Biologie bis hin zu dem Problem, das Empfindungen nicht nur höchst subjektive sind sondern auch sich im Laufe der Zeit unserer Erinnerung nachträglich noch geändert werden können, je nachdem was danach passiert. 

Aber erstmal zum Sex. Sex (und auch Zärtlichkeit) kann man aus verschiedenen Gründen haben. Der Klassiker ist natürlich Fortpflanzung, aber es gibt natürlich auch andere, völlig legitime Gründe: 

von ‚gegenseitig Zuneigung zeigen‘ über ‚Lust‘ bis hin zu ‚Stressabbau‘ (Klassiker hier wäre zB. Versöhnungssex, sprich Spannungsabbau nach Stress zwischen Partnern, oder auch Trost nach einschneiden Erlebnissen u.ä.). 

Kleiner interessanter Einwurf hier, nicht nur Menschen, sondern auch andere soziale Säugetiere nutzen Sex zu mehr als nur Fortpflanzung, z.B. Bonobos oder Delfine haben es als soziale Interaktion oder nur mal nur zum Spaß.  

Hier spielt natürlich auch die Sozialstation eine Rolle, so gab es Zeiten / religiöse Ausrichtungen bei denen Sex nur als Mittel zur Fortpflanzung als moralisch richtig angesehen wurde/wird. In unserer Gesellschaft wird heute häufig Sex mit Verliebt sein / Liebe in Verbindung gebracht, aber Szenarien wie one night stands oder Freundschaft+ oder langfristige Affären sind definitiv nicht mehr so negativ konnotiert wie vor 60-70 Jahren. Und es gibt verschiedene Strategien es so zu gestalten, dass es auch ethisch gemacht werden kann. Und ich denke dahin geht auch Deine Befürchtung was den ‘Macho’ angeht. 

Oder wenn ich es als Frage umformulieren würde, ist es ok Sex nicht nur aus verliebtsein zu haben und wie kann man es machen, so dass die andere Person sich nicht benutzt fühlt?  

Eine Möglichkeit ist natürlich, so etwas einfach anzusprechen. Wenn beide sich der Situation bewusst sind und damit kein Problem haben, kann man durchaus sagen, es gibt auch kein Problem. Eine der Schwierigkeiten dabei ist natürlich, dass das Kommunizieren nicht immer einfach ist. Wenn man jemanden kennenlernt, den man spontan heiß findet, ist eine lange philosophische Erklärung vorher nicht immer super antörnend. 😉

Es gibt Menschen, die diesem Problem aus dem Weg gehen, in dem Sie gewisse sexuelle Kontakte nur in einem Rahmen haben, wo die Spielregeln vorher festgelegt sind. Das kann ein passender Club oder eine private Party sein. Das ist natürlich auch nicht für jeden. 

Es gibt natürlich auch das Argument, dass man zwar bewusst der Meinung sein kann, man unbewusst doch andere Erwartungen / Hoffnungen hegen kann, und wir als Menschen haben die Fähigkeit, das zu erkennen und auch für den anderen Menschen vorzusorgen, dass er nicht in diese Situation kommt. Also stellt man den eigenen Wunsch nach Sex zurück, damit der andere nicht verletzt wird.Aber nicht jeder will sich immer nur zurücknehmen und das ist auch kein Makel.

Diese verschiedenen Möglichkeiten sind natürlich Extrempunkte und in der Realität pendeln die meisten von uns (unabhängig von unserer Orientierung) irgendwo dazwischen. Wir sagen auf Datingsites vorher was man von uns erwarten kann, nehmen an, dass für Kennenlernen im z.B. Berghain andere Erwartungen gestellt werden können als für ein erstes Date in einem romantischen Restaurant und ziehen uns zurück, wenn wir merken, dass unser Gegenüber Hoffnungen hat, die wir nicht erfüllen können.

Egal welchen Fokus Du wählst, Offenheit, vorgegebener Rahmen, vorsorgendes Mitdenken oder eine Wechsel der Strategie je nach Situation, solange Du nicht nur an Deine Bedürfnisse denkst, sondern auch mit an die des anderen, bist Du eben kein Macho. Denn dieser Typus denkt gerade nicht über die Gefühle des anderen nach. 

 

Eine weitere Sache, die Du Dir aber noch vergegenwärtigen kannst, ist noch folgendes: wir haben zwar die Vorstellung, dass die Abfolge so aussehen sollte: Verlieben mit Schmetterlingen (am besten auf den ersten Blick), irgendwann Sex und dann Liebe bei der aber das Verliebt sein nicht (ganz) weg geht. Und das ist auch unglaublich schön, wenn es so passiert. Aber es muss nicht so sein. 

Es gibt z.B. Freundschaft, die zur Liebe wird, dabei tauchen Verliebt sein und die Schmetterlinge im Bauch nicht nicht unbedingt auf. Ich habe in meiner Umgebung auch schon Fälle erlebt, bei denen eine Beziehung erst mit reinen Sex anfing und wo sich dann im Laufe der Zeit mehr ergeben hat. Auch hier waren Verliebt sein und Schmetterlinge nicht dabei und trotzdem sind langfristige, tragfähige und liebevolle Beziehungen entstanden. 

Ein Grund dafür mag sein, dass diese Schmetterlinge eben nicht nur aus dem Glücksgefühl entstehen, sondern ein Teil davon eben auch Unsicherheit, Nervosität, Aufregung und manchmal auch ein keines bisschen Angst ist. Manche mögen dieses Gefühl, andere empfinden diese Situation eher stressig, fast wie ein Vorstellungsgespräch. 

Es gibt Menschen, die Sex mit dem eigenen Geschlecht als entspannter empfinden, denn das Empfinden ist ähnlicher, bekannter und man kann sich leichter fallen lassen, ist weniger nervös oder unsicher. Andere empfinden es genau andersherum, denn heterosexueller Sex ist häufiger und somit bekannter. Bei uns Frauen kommt auch noch häufiger als bei Männern der Sicherheitsaspekt zum Tragen, wenn es um das Thema Lust geht. 

 

Was ich also damit sagen will, es ist ganz normal unterschiedliche Empfindungen bei unterschiedlichen Geschlechtern zu haben und wenn es so ist, ein anderer Start muss nicht abträglich sein für eine Beziehung. Und wenn keine gewünscht, kann man Wege für sich finden, die einem dabei helfen, es so zu gestalten, dass es für alle Parteien ok ist. Also sei nicht zu streng mit Dir. Allein, dass Du Dir Gedanken dazu machst, wie für mich eben aus deiner Frage ersichtlich ist, ist super. 

 

Zu guter Letzt: Das Gefühl nicht queer genug zu sein, ist nicht selten unter Menschen, die sich im Bereich Bi+ wiederfinden. Sogar Wolfgang Joop hat sich damit auseinander gesetzt, bei den Heteros rauszufallen und irgendwie nicht bei den Homos anzukommen. Und ja Vorurteile gegenüber Bi+ gibt es seit den ersten homosexuellen Emanzipationsbestrebungen. Aber nicht bei allen! Und Vorurteile anderer sind vielleicht nicht gerade die Leitlinie, die Du für Dich nutzen willst. 😉 

Aber queer wird heute als Adjektiv für alle genutzt, deren Empfinden, sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identifikation nicht der Cis-hetero-Norm entsprechen. Also lass Dich da nicht rausdrängen, wenn Du nicht möchtest. 😉

 

Jetzt habe ich viel geschrieben und mir ist klar, dass ich kaum klare Antworten gegeben habe. Aber ich hoffe, ich habe Dir einiges an Infos geben und Möglichkeiten aufgezeigt, um Deine Fragen für Dich zu beantworten. Ich würde meine Infos aber auch nicht als den ultimativen Guide nehmen. Wie ich schon oben Mal gesagt habe, lerne ich auch immer wieder dazu. Deshalb würde es mich auch freuen, wenn Du nochmal eine Rückmeldung geben könntest, wie hilfreich die Antwort für dich für dich war und ob Du noch weitere Fragen hast. 

 

Liebe Grüße

 

Christiene