von | 21. September 2026 | Bi+ Archiv

Positionierung zu den von der Berliner SenASGIVA / LADS veröffentlichten „Forschungsdesiderate Bi+Sexualität“

Die Berliner Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung (LADS), als Teil der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung (SenASGIVA) hat 2026 erstmals Forschungsdesiderate zu Bi+ veröffentlicht. Wir begrüßen ausdrücklich, dass die weiterhin erheblichen Forschungslücken zu Bi+ Lebensrealitäten damit auch auf landespolitischer Ebene sichtbar gemacht werden.

In die Erarbeitung ist unter anderem die Expertise der Fachstelle Bi+ eingeflossen. Im Vorfeld haben wir der LADS aus unserer fachlichen Arbeit heraus zentrale Datenlücken benannt sowie Forschung, Literaturhinweise und weitere Quellen zur Verfügung gestellt. Viele der von uns eingebrachten Themen finden sich in der Veröffentlichung wieder, darunter Forschungsbedarfe zu Bi+ Männern, intersektionalen Lebensrealitäten, Neurodivergenz, Gesundheit, Elternschaft und Angehörigen. Die Publikation verweist ebenso auf den fachlichen Austausch mit der Fachstelle Bi+. Neben den inhaltlichen Impulsen stellte die Fachstelle Bi+ im Rahmen des Austausches auch Literaturgrundlagen zur Verfügung.

Inhaltlich möchten wir die Veröffentlichung zugleich um einige Perspektiven aus unserer fachlichen Arbeit und Expertise zu Bi+ Lebensrealitäten erweitern. So sprechen wir bevorzugt von Bi+ Identitäten und Lebensrealitäten bzw. von Bi+ Personen, statt Bi+ ausschließlich unter dem Begriff der „Bi+sexualität“ zu fassen. Bi+ kann neben der sexuellen auch die romantische Orientierung und Anziehung beschreiben, beispielsweise bei biromantischen asexuellen Personen. Zudem ist Bi+ für viele Menschen nicht nur eine Beschreibung von Begehren, sondern Teil ihrer Identität und gesellschaftlichen Positionierung.

Die sprachliche Fokussierung auf „Sexualität“ ist aus unserer Sicht auch deshalb nicht neutral, weil Bi+ Personen bis heute häufig hypersexualisiert und fetischisiert werden. Bi+ Personen werden stereotyp häufig als besonders promiskuitiv, sexuell verfügbar oder untreu dargestellt. Solche Zuschreibungen können Diskriminierung und Abwertung begünstigen und stehen insbesondere bei Bi+ Frauen in einem Zusammenhang mit sexualisierter und partnerschaftlicher Gewalt. Bi+ trans* und nicht-binäre Personen erleben zudem besonders häufig Mehrfachdiskriminierung, Bedrohung und Gewalt. Eine Sprache, die Bi+ Lebensrealitäten nicht ausschließlich über Sexualität beschreibt, kann dazu beitragen, diese stereotypisierenden Perspektiven nicht unbeabsichtigt zu reproduzieren. Siehe dazu auch Korinth et al., 2024 und Walters et al., 2013.

Gleichzeitig ist es aus einer wissenschaftlichen Perspektive wichtig, auch Menschen einzubeziehen, die mehrgeschlechtliches Begehren erleben, sich selbst jedoch nicht als bi+ bezeichnen. Diesen methodischen Punkt hebt auch die Veröffentlichung ausdrücklich hervor.

Besonders wichtig ist uns außerdem eine konsequent intersektionale Perspektive. Im Text der Bi+ Forschungsdesiderate wird deutlich benannt, dass Überschneidungen mit geschlechtlicher Identität, Herkunft, Rassifizierung, Be_hinderung, Alter und sozioökonomischem Status bislang nur unzureichend berücksichtigt werden. Aus unserer Sicht muss intersektionale Bi+ Forschung darüber hinaus systematisch berücksichtigen, wie etwa Rassifizierung, Migrantisierung, Klassismus, Ableismus, TIN*-Feindlichkeit (also die Feindlichkeit gegenüber trans*, inter* und nicht-binären Personen) sowie weitere Diskriminierungsverhältnisse mit Bi-Feindlichkeit und Bi+ Erasure zusammenwirken.

Eine besonders große Forschungslücke sehen wir weiterhin bei der Gewaltbetroffenheit von Bi+ trans*, inter* und nicht-binären Personen. Die Veröffentlichung weist darauf hin, dass TIN* Personen besonders häufig dem Bi+ Spektrum angehören und fordert ausdrücklich eine stärkere Verschränkung von sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität in der Forschung. Gleichzeitig fehlen bislang weitgehend belastbare Daten dazu, wie sich Bi-Feindlichkeit, TIN*-Feindlichkeit und weitere Formen von Mehrfachdiskriminierung konkret auf die Gewaltbetroffenheit auswirken. Aus unserer Sicht sollte diese Forschungslücke dringend geschlossen werden. Besonders in Hinblick auf bedarfsgerechte Prävention, Beratung und Gewaltschutz.

Darüber hinaus sehen wir weiterhin Forschungsbedarf unter anderem zu Diskriminierung und Bi+ Erasure im Gesundheitswesen, zu Einsamkeit und sozialer Isolation sowie zu Bi+ Personen im höheren Lebensalter. Die Veröffentlichung verstehen wir deshalb nicht als abschließende Übersicht, sondern als wichtigen Ausgangspunkt für eine differenziertere und intersektionale Forschung zu Bi+ Lebensrealitäten in Berlin und Deutschland.

Die Veröffentlichung „Bi+sexualität – Forschungsdesiderate“ der Berliner LADS könnt ihr hier vollständig nachlesen.